Weinregion
Santorini — Wein vom Vulkan
Steckbrief
Kykladen, Südliche Ägäis
Heiß-mediterran, starke Meltemi-Winde, minimaler Regen (<300 mm/Jahr)
Vulkanisch — Bimsstein, Asche, Basalt, kalkhaltige Ablagerungen
Assyrtiko, Aidani, Athiri, Mavrotragano
~1.200 ha
Santorini PDO, Vinsanto PDO
Klima und Terroir
Santorini liegt im Zentrum der Kykladen und ist das Überbleibsel einer gewaltigen vulkanischen Eruption, die um 1600 v. Chr. die minoische Zivilisation erschütterte. Die Caldera, ein halbmondförmiger Krater, der steil ins Meer abfällt, schafft ein Terroir, das in der Weinwelt seinesgleichen sucht. Der Boden besteht aus Schichten von Bimsstein, vulkanischer Asche und Basalt — praktisch frei von organischer Substanz, dafür reich an Mineralien. Diese poröse Struktur speichert nachts die Feuchtigkeit aus der Meeresluft und gibt sie tagsüber an die Wurzeln ab, was den fast vollständigen Ausfall von Sommerregen kompensiert.
Das Klima ist extrem: Über 300 Sonnentage im Jahr, Temperaturen, die im Sommer regelmäßig 35 °C übersteigen, und der Meltemi — ein kräftiger Nordwind, der von Juni bis September über die Insel fegt. Um die Trauben vor Austrocknung und mechanischer Beschädigung zu schützen, entwickelten die Winzer vor Jahrhunderten die Kouloura-Erziehung: Die Reben werden spiralförmig zu einem flachen Korb geflochten, der kaum 20 cm über dem Boden liegt. Die Trauben reifen geschützt im Inneren dieses Kranzes.
Die Reblaus erreichte Santorini nie — die vulkanischen Böden sind für den Schädling unbewohnbar. Daher stehen hier ungepfropfte Reben, manche über 200 Jahre alt, auf eigener Wurzel. Dieses Pre-Phylloxera-Material verleiht den Weinen eine Tiefe und Komplexität, die anderswo nicht reproduzierbar ist. Hinzu kommt die sogenannte Nychteri-Tradition: Trauben, die nachts gelesen und verarbeitet werden, um der Tageshitze zu entgehen — ein Name, der heute für einen fassausgebauten Assyrtiko steht.
Rebsorten aus Santorini
Assyrtiko ist die unbestrittene Leitsorte Santorinis und eine der großen weißen Rebsorten des Mittelmeerraums. Sie liefert Weine mit hoher Säure, ausgeprägter Mineralität und Aromen von Zitrone, grünem Apfel und nassem Stein. Trotz der extremen Hitze behält Assyrtiko eine Frische, die internationale Kritiker regelmäßig verblüfft. Auf Santorini erreicht die Sorte ihre höchste Ausdruckskraft — salzig, rauchig, fast feuersteinartig.
Aidani ergänzt Assyrtiko in vielen Cuvées und bringt florale Noten von Jasmin und weißem Pfirsich ein. Athiri, die dritte weiße Sorte der Insel, liefert weichere, rundere Weine mit Kräuteraromen. Mavrotragano ist die rote Hoffnung Santorinis: eine fast ausgestorbene Sorte, die in den letzten Jahrzehnten von Winzern wie Sigalas und Gaia wiederbelebt wurde. Sie ergibt tieffarbige, tanninreiche Rotweine mit Aromen von dunklen Beeren, Gewürzen und vulkanischem Rauch.
Geschichte
Die Weinbaugeschichte Santorinis reicht mindestens 3.500 Jahre zurück. Bei Ausgrabungen in Akrotiri, der unter Vulkanasche konservierten bronzezeitlichen Stadt, fanden Archäologen Traubenkerne und Gefäße zur Weinbereitung. Die Minoer und nach ihnen die Phönizier handelten bereits mit Wein von der Insel, die damals Thera hieß.
Im Mittelalter, unter venezianischer Herrschaft (1207–1579), erlebte der Weinbau einen Höhepunkt. Die Venezianer erkannten das Potenzial der Insel und exportierten Vinsanto in großen Mengen nach Italien, Frankreich und England. Der Name ‚Vinsanto' leitet sich wahrscheinlich von ‚Vino di Santorini' ab — nicht, wie manchmal behauptet, von ‚heiligem Wein'. Unter osmanischer Herrschaft blieb der Weinbau dank des Steuerprivilegs der griechisch-orthodoxen Klöster bestehen.
Im 19. Jahrhundert war Santorini eine der wichtigsten Weininseln des östlichen Mittelmeers. Die Reblaus-Katastrophe, die ab 1860 Europas Weinberge verwüstete, verschonte die Insel vollständig. Doch wirtschaftliche Krisen, Erdbeben und die Abwanderung in die Städte führten zu einem dramatischen Rückgang der Rebfläche von über 3.000 ha auf heute rund 1.200 ha.
Die Renaissance begann in den 1980er und 1990er Jahren. Paris Sigalas gründete 1991 seine Domaine und bewies, dass Assyrtiko ein Wein von Weltklasse sein kann. Gaia Wines brachte mit Thalassitis einen Assyrtiko auf den Markt, der zum Referenzwein der Sorte wurde. 1971 erhielt Santorini den Appellationsstatus (OPAP), der Herkunft, Rebsorten und Anbaumethoden schützt. Heute gilt Assyrtiko aus Santorini als eine der aufregendsten weißen Herkunftsbezeichnungen der Welt.
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Speiseempfehlungen
Die mineralischen, salzigen Weißweine Santorinis sind geborene Begleiter für Meeresfrüchte. Frischer Fisch, gegrillt mit Zitrone und Olivenöl — ob Barbouni (Rote Meerbarbe), Tsipoura (Dorade) oder Oktopus vom Grill — findet in Assyrtiko seinen idealen Partner. Die knackige Säure schneidet durch das Fett, während die salzige Mineralität das Meeresaroma verstärkt.
Zu Fava, dem klassischen Spalterbsenpüree Santorinis, gewürzt mit Kapern und roter Zwiebel, passt ein junger, ungehobelter Assyrtiko hervorragend. Tomatokeftedes, die frittierten Tomatenbällchen aus den berühmten Santorini-Kirschtomaten, verlangen nach einem Wein mit genügend Säure, um die Frittier-Schwere auszubalancieren. Nychteri, der fassausgebaute Assyrtiko, verträgt auch reichhaltigere Gerichte: gegrilltes Lammkotelett mit Kräutern, Risotto mit Garnelen oder gereifte Käse wie Graviera.
Vinsanto schließlich ist ein Meditationswein, der pur nach dem Essen genossen werden kann — oder als Begleiter zu dunkler Schokolade, Baklava oder einem kräftigen Blauschimmelkäse.
Reisetipp: Santorini besuchen
Die beste Reisezeit für Weinliebhaber ist Mitte September bis Mitte Oktober: Die Ernte ist in vollem Gange, die Sommerhitze hat nachgelassen, und die Touristenmassen sind verschwunden. Domaine Sigalas in Oia bietet Verkostungen mit Blick auf die Caldera — eine Reservierung ist unbedingt zu empfehlen. Die Wanderung von Fira nach Oia entlang des Caldera-Randes führt an alten Kouloura-Weinbergen vorbei. In Akrotiri lohnt sich neben der archäologischen Stätte ein Besuch der Weingüter im Süden der Insel. Die Anreise erfolgt per Fähre ab Piräus (ca. 8 Stunden) oder per Flug (45 Minuten ab Athen). Auf der Insel empfiehlt sich ein Mietwagen.
Häufige Fragen zu Santorini
Was macht Santorini-Wein so besonders?
Die Kombination aus vulkanischem Boden, ungepfropften Reben (manche über 200 Jahre alt), der einzigartigen Kouloura-Erziehung und dem extremen Inselklima ergibt Weine mit einer Mineralität und Salzigkeit, die weltweit ihresgleichen suchen.
Was ist Vinsanto?
Vinsanto ist der legendäre Süßwein Santorinis, hergestellt aus sonnengetrockneten Assyrtiko-, Aidani- und Athiri-Trauben. Er reift mindestens zwei Jahre in Eichenfässern und zeigt Aromen von Trockenfrüchten, Honig, Karamell und Orangenschale.
Was bedeutet Kouloura?
Kouloura ist die traditionelle Reberziehung Santorinis. Die Triebe werden spiralförmig zu einem flachen Korb geflochten, der die Trauben vor dem starken Meltemi-Wind und der intensiven Sonne schützt.
Warum gibt es auf Santorini keine Reblaus?
Die vulkanischen Böden aus Bimsstein und Asche bieten dem Schädling Phylloxera keinen Lebensraum. Daher wachsen auf Santorini ungepfropfte Reben auf eigener Wurzel — ein in Europa einzigartiges Phänomen.
Welche Speisen passen zu Assyrtiko aus Santorini?
Gegrillter Fisch, Meeresfrüchte, Oktopus, die berühmte Fava aus Santorini-Spalterbsen und Tomatokeftedes. Die salzige Mineralität des Weins harmoniert perfekt mit Aromen des Meeres.
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